Dekanat Sulzbach-Rosenberg

evangelisch in der Oberpfalz

Predigt an Pfingstsonntag

gehalten am Pfingstsonntag in der Christuskirche Sulzbach-Rosenberg von Pfarrer Dr. Roland Kurz. Predigttext Apostelgeschichte 2, 1-21

Liebe Gemeinde!

Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? So reagierten die Menschen auf das Pfingstgeschehen. Wir haben es eben in der Apostelgeschichte gehört.

Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? So ähnlich reagierten die meisten, als am 16. März unser Leben massiv eingeschränkt wurde. Damit sollte die unkontrollierte Ausbreitung einer neuartigen Krankheit, gegen die es kein Mittel gibt, verlangsamt werden. Alle taten ihr Bestes, um Schlimmeres zu verhindern, eine große Einigkeit im Geist. Doch: Mit jeder Woche, in der die Einschränkungen blieben, wurden die Zweifel lauter. „Nützt das was?“; „Geht das nicht zu weit?“ … sollte man nicht viel lieber andere Maßnahmen ergreifen? Oder ist das Ganze nur Teil einer großen Verschwörung? Je länger es dauerte, desto größer die Sehnsucht, dass alles wieder so wird, wie es früher war. Und nichts vernebelt menschliches Denken besser als Sehnsüchte, die die Vergangenheit verklären.

Und dann kamen erste Lockerungen. Die nächsten Lockerungen. Und die Einigkeit im Geist, die am Anfang groß war und dadurch vieles verhindert hat, bröckelt weiter: Dem einen geht es zu schnell, dem anderen zu langsam. Und in jedem Biergarten – die sind ja wieder offen - sitzt mindestens ein Experte, der alles besser weiß und alles anders machen würde. Was will das werden?

Als damals, an Pfingsten, diese Frage gestellt wurde, kam eine Antwort von oben: Eine wunderbare Antwort – auf einmal konnten alle einander verstehen und miteinander reden. Miteinander. Nicht übereinander. Damals kam es nicht darauf an, wer Recht hat, sondern darauf, aufeinander zu hören. Die Frage war damals: Wie erreichen wir die herrliche Zukunft, die uns versprochen wurde, wenn alles überstanden ist?

Der Prophet Joel, der ja im Predigttext zitiert wird, deutet eine weltweite Katastrophe an, die erst überwunden werden muss, bevor „der große und herrliche Tag des Herrn kommt.“ Und damals dachte man auch, es wird schnell gehen. Bald ist er da, der Tag des Herrn, an dem alles gut sein wird. Alles überwunden sein wird. Im Lauf der Zeit hat man dann zwei Dinge gemerkt: Sowohl die weltweite Katastrophe, die die Sonne verfinstert und den Mond in Blut verwandelt, bleibt aus, wie eben auch der Tag, an dem der Herr wiederkommt. Und so nach und nach wandelte sich die erste Begeisterung, in Skepsis, Ungeduld, Kritik, Besserwisserei.

Was will das werden? „Wir wissen es nicht, aber es kann dauern“ – diese Einsicht setzte sich nach und nach gegen so manchen Widerstand in der jungen Gemeinde durch.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2. Tim 1,7) So beschreibt der 2. Timotheusbrief die Folgen des Pfingstgeschehens. Und ich bin überzeugt: Immer dann, wenn wir uns fragen: Was wird das werden?, ist dieser Geist große Hilfe.

Der Geist der Kraft, erlaubt mir Fehler zuzugeben. Denn wie oft ist „gut“ das Gegenteil von „gut gemeint“? Und so ist der Satz unseres Gesundheitsministers „Wir werden uns später bei vielen entschuldigen müssen“ das Intelligenteste, was ich bisher zur Covid-19 Krise gehört habe. Denn wir heute können – wie übrigens auch die junge Gemeinde damals – nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln, uns mit Versuch und Irrtum durch die Krise hindurchtasten.
Der Geist der Liebe, die fragt: Was kann ich Gutes tun? Wie kann ich Schaden begrenzen? Gerade dann, wenn viele ihre Energie damit verschwenden, Sündenböcke zu suchen, die Fehler begangen haben. Oder andere, die sich selbst großartig darzustellen und zum Teil absurde Forderungen zu erheben, um gehört zu werden. Natürlich muss die Frage nach der Verantwortung gestellt werden – wenn alles vorbei ist und man die Zeit hat, im Rückblick aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen – aber brauchen wir jetzt diese oft so lautstarke wie geistlose Rechthaberei?
Am schwersten hat es immer der Geist der Besonnenheit. Schon damals als man nach Pfingsten merkte: Es dauert mit dem Reich Gottes und immer wieder gedrängt, geschoben, gefordert wurde. Wie auch heute.

Denn eines machte es damals und macht es auch heute schwierig: Oft weiß ich nicht, welche Folgen mein Handeln hat. Ob diese oder jene Tat gut und hilfreich, überflüssig oder gar schädlich war. Im konkreten Pandemiefall ist es sehr gewöhnungsbedürftig, dass ich bei jeder Maßnahme letztlich erst nach mindestens zwei Wochen eine Chance habe, zu sehen, ob sie gut oder schlecht war. Das sind wir nicht gewohnt. Daran werden wir uns aber gewöhnen müssen.

Der Geist der Besonnenheit gibt mir langen Atem, ohne dass ich langatmig werde. Dass in meinem Herzen das Feuer der Geistausgießung weiter brennt und ich unbeirrt von immer lauter werdenden Zwischenrufen, Forderungen, Drängeleien, Schuldzuweisungen – den langen Atem behalte, den Geist der Liebe zu verkünden und zu verbreiten und dabei selbstkritisch genug bleibe, Fehler zuzugeben.

Denn an Pfingsten wird uns bestätigt, was uns in der Taufe versprochen wurde: Wir haben die Ewigkeit des Reiches Gottes vor uns. Deshalb haben wir vor allem eines: Zeit. Von daher „keep calm and carry on“ – „besonnen bleiben, weitermachen“ auch wenn die Masken nerven.
Amen

Aktuelle Seite: Evangelisch in der Oberpfalz Dekanat Sulzbach Predigt an Pfingstsonntag

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.